Sinnkrise nach Videocamp: “Lokal” ist keine Zielgruppe
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Von Marko Litzenberg · Veröffentlicht am 06. Sep 2011 - 09:37 Uhr
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Es war mal wieder Zeit für ein Videocamp, ein Treffen von Webvideomachern aus ganz Deutschland und darüber hinaus. Nachdem ich bereits zwei derartige Veranstaltungen in Essen besucht hatte, verlegten die Organisatoren es diesmal nach Berlin. Am zurückliegenden Wochenende fand es statt, ich fuhr hin voller Vorfreude auf neuen Input und interessante Gespräche, und fuhr ernüchtert wieder nach Hause.
Für alle Leser, die nicht wissen was ein Videocamp ist, vorab ein paar kurze Erklärungen: Ein Videocamp ist ein Barcamp mit dem Themenschwerpunkt Video. Ein Barcamp wiederum ist eine Konferenz – oder eher eine Unkonferenz, bei der die einzelnen Seminare vorab nicht feststehen, sondern erst während des Treffens festgelegt werden, von den Teilnehmern für die Teilnehmer. Man lernt von- und miteinander.
Zwei dieser Videocamps hatte ich bereits erlebt und jedes Mal bin ich guten Mutes und mit vielen neuen Ideen für eineblick.de nach Hause gefahren. Diesmal war es anders. Das Videocamp war gut, der Veranstaltungsort nett, die Themen interessant, die Leute sowohl das eine als auch das andere. Und doch war es diesmal für mich nicht motivierend, aufbauend. Stattdessen ernüchternd, Augen öffnend. Nach zweieinhalb Stunden Heimfahrt kam noch “Sinnkrise auslösend” hinzu. Was war passiert?
In einem der Vorträge unter dem Titel “Haste mal ‘ne Mark?” ging es auch um die Vermarktung von Webvideos – kann man damit denn Geld verdienen? Und wenn ja, wie? Ein Vertriebsmann aus Hamburg hatte dieses Thema vorgeschlagen, stand selbst als Referent vor den Zuhörern. Martin Puscher – der Name ist sein Programm. Wie kann man Videos “pushen”? Da fielen viele Fachbegriffe (die auch erklärt wurden), es gab hilfreiche Tipps und Hinweise, es wurde diskutiert. Und es machte mir mal wieder klar, dass ich ein zugegebenermaßen schlechter Verkäufer bin. Bisher tröstete ich mich und sagte mir: “Ich kann nicht alles können”. Immer wieder fielen in der Runde auch die Worte “Zielgruppe” und “Nische finden”.
Was ist eigentlich meine Nische? Das Lokale, klar. Wer ist meine Zielgruppe? Menschen aus Aschersleben und Umgebung, die sich neben den klassischen Medien auch im Internet informieren möchten. Logischerweise ist das eine sehr kleine Nische mit einer – regional bedingt – eher kleinen Zielgruppe. Noch dazu in einer internettechnisch unterversorgten und vom demographischen Wandel gebeutelten Gegend – Provinz nicht nur im Realen, sondern auch im Netz. Das zeigen die Zugriffszahlen auf eineblick.de. Die sind zwar nicht schlecht (für einen lokalen Blog wohl sogar sehr gut, wie mir Kollegen versicherten), aber irgendwie auch nicht wirklich hoch.
Seiten im Netz, die sich mit Musik, Computern, Gadgets oder sonstwas beschäftigen kommen auf zehntausende Besucher pro Tag. Videos, in denen die Leute herumblödeln, sich öffentlich schminken oder schief singen schaffen es auf tausende Abrufe – und bekommen mit etwas Glück sogar Webvideopreise. Meine Videos werden von ein paar hundert Leuten gesehen, wenn es hoch kommt. Das hat mich bisher nicht gestört. Schließlich war ich nicht auf der Jagd nach Zuschauern, indem ich Sachen mache, die möglichst vielen gefallen. Das ist der Mainstream, dem ich mich bisher verweigerte. Ich schrieb nicht, wie die Lokalzeitung vor Ort, tagelang über am falschen Ort wachsende Studentenblümchen, walze nicht jede etwas größere Blume und dicke Tomate in irgendeinem Schrebergarten tagelang aus. Fülle nicht fast eine ganze Seite mit einer Polizeimeldung, nur weil in einen bedauerlichen – gleichwohl aber alltäglichen – Unfall der Oberbürgermeister verwickelt ist. Ein Fehler?
Den – in meinen Ohren – zentralen Satz des Wochenendes sagte dann jedoch Markus Hündgen. Im Web ist er bekannt als Videopunk, ausgewiesener Netz- und Webvideoexperte, der unter anderem am “Elektrischen Reporter” im ZDF mitarbeitet (bei dem es in der aktuellen Folge praktischer- und passenderweise um Aufmerksamkeit geht – um die im Netz jeder buhlt).
Markus Hündgen ist zusammen mit Stefan Evertz auch Organisator der Videocamps. In einer Runde, bei der die angereisten Campteilnehmer ihre Videos den Kollegen zeigen und zur Kritik freigeben konnten, wurde auch eins meiner Videos auseinandergepflückt – freiwillig hatte ich es vorgeschlagen. Schließlich bringt mich das weiter und sorgt dafür, dass ich Fehler abstellen kann, die ich selbst nicht sehe. Da gab es dann auch einige technische, inhaltliche und insgesamt sehr berechtigte Kritikpunkte.
Dann die Frage: “Für wen machst du das denn? Das ist doch kein Webvideo, das könnte so zwar nicht im Öffentlich-Rechtlichen aber durchaus im Lokalfernsehsender laufen.” “Hm, ja. Das ist Absicht”, so meine Antwort auf letztere Bemerkung. Muss ein Webvideo immer so anders sein? Markus Hündgen hakte nach: “Was ist denn nun deine Zielgruppe?” “Na die Leute in Aschersleben eben, alle zwischen 10 und 80 bei mir im Lokalen”, erwiderte ich. Dann der niederschmetternde Hinweis: “‘Lokal’ ist keine Zielgruppe – heute nicht mehr”, so Hündgen. Beifälliges Nicken und Schweigen im Rund. Nächstes Video…
Ist es so? Ist “Lokal” wirklich keine zukunftsträchtige Zielgruppe, weil viel zu klein. Provinz eben? Sollte ich mir nach fünf Jahren Lokalbloggerei, fast 1000 Beiträgen auf eineblick.de und einer eigenen iPad-App doch ein anderes Betätigungsfeld suchen? Modelleisenbahnen bauen vielleicht? Und dann darüber schreiben, denn Modelleisenbahnfreunde gibt es wahrscheinlich deutlich mehr als Ascherslebener mit Internetanschluss.
Ist “Lokal” keine Zielgruppe? Sagen Sie es mir, liebe Leser!
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Halt! Stopp!
Hör bloß nicht auf!
Such dir deine Zielgruppe, dann wird sich vieles finden. Wen willst du mit dem jeweiligen Videos ansprechen. Regionalität ist dabei eine Gemeinsamkeit, aber noch keine Besonderheit. Selbst de Lokalzeit des MDR hat eine spitze Zielgruppe – eben nicht Leute unter 45. Du kannst nicht alle bedienen – das schadet nur der Form und den Inhalten der Videos.
Will auch nicht aufhören. Die Frage ist eher rhetorischer Natur – hab mich dann wohl missverständlich ausgedrückt..
Was ich mich aber wirklich frage ist, wie ich mir in der (von mir vielleicht falsch ausgemachten) Zielgruppe im Lokalen eine Zielgruppe suchen soll? Die wird dann ja immer kleiner. Nicht mehr alle Ascherslebener (die ich bisher als Zielgruppe sah), sondern nur die Jungen? Sind ja wieder nur eine Teilmenge. Nur die Mittelalten, wie ich einer bin? Auch nur eine Teilmenge. Wie ich es drehe und wende, es werden nur immer weniger Menschen in einer eventuellen neuen Zielgruppe. Das macht mich etwas ratlos.
Lokal ist keine Zielgruppe, weil diese EIngrenzung so nichts aussagt. Ich sehe in diesem Ausspruch eher den Ansporn, etwas tiefer zu graben, wer denn deine Video schaut und wie du diese Menschen noch besser ansprechen kannst.
Dadurch, das deine Zielgruppe schärfer wird, wird dein Content für die Zielgruppe auch relevanter, interessanter. Die Idee ist, dass ein Programm für Menschen von 10-80 Jahren weder vom 10jährigen, noch vom 80gjährigen geschaut wird.
Im Endeffekt glaube ich auch nicht, dass das bei dir überhaupt so ein Kuddelmuddel ist. Jeder deiner Artikel hat ja eine andere Zielgruppe und so kann es auch für Videos sein. Das eine Thema ist für den 10jährigen medial aufbereitet (oder besser für seine Eltern ^^), das andere Thema für den 80jährigen.
Hi Marko,
zuerst mal “höre bloß nicht auf!”. Ich denke schon, dass die Experten vom Videocamp gute Erfahrungen und Ideen haben, doch gerade Dein Lokalbezug macht doch Deine Seite interessant. Die Idee des Zuschnitts der Videos auf die Zielgruppe der Beiträge ist denke ich eine gute Option. Das öffnet vielleicht auch die Tür zum experimentieren bzw. entwickeln. Damit würde die Seite insgesamt für mehr Leute interessant werden und vielleicht für alle Aschersleber Netzanschlussbesitzer ein täglicher Ansurfpunkt.
Gruß Holger
Lieber Marko,
NATÜRLICH IST “LOKAL” EINE ZIELGRUPPE!!! – Lass Dir keinen Schmarrn einreden.
Und: Du machst das, wofür Du brennst. Nicht das, was Dir die PR-Abteilung vorschreibt. Das ist viel wert.
Und was das Geldverdienen angeht – erkläre uns, Deiner geneigten Leserschaft doch nochmal, was der “flattr”-Button links oben bedeutet.
Viele Grüße,
Lars
Selbstverständlich ist „lokal“ allein keine Zielgruppe. Lokal eingegrenzt ist die Region aus der Du berichtest und wenn diese regionalen Informationen über das Internet ihre Verbreitung finden, dann erreichen sie, egal ob gewollt oder nicht, den User weltweit. Lokal allein reicht also wirklich nicht.
Zielgruppen sind immer nach bestimmten Kriterien klassifiziert. Zu einer Zielgruppendefinition gehören z.B. sozio-demografische Kriterien. Darüber hinaus lassen sich Zielgruppen über Wünsche, Probleme, Kaufkraft, Religion, Alter etc. definieren. Die Gewichtung der Kriterien sollte dabei in Abhängigkeit vom zu vermarktenden Produkt erfolgen.
Ob man sich nun über eine Zielgruppendefinition Gedanken machen sollte oder nicht hängt u.A. vom Anspruch ab mit dem man ein Vorhaben betreibt.
Die Frage ist doch was willst du? Wenn du deine Seite aus Spaß an der Freude gestaltest musst du dir über eine mögliche Zielgruppe weniger Gedanken machen, so nach der der Devise „wems gefällt, der liest es.“ Anders liegt der Fall allerdings bei umsatzorientierten Unternehmen. Bei denen ist ein Zielgruppenprofil von existenzieller Bedeutung. Wenn du also eine kommerzielle Vermarktung anstrebst oder dich bundesweit mit Mitbewerbern vergleichen willst (Videocamp), dann wirst du nicht umhin kommen, dir in dieser Richtung etwas einfallen zu lassen.
Es gibt eine einfache Einsteigermethode eine Zielgruppe, zumindest ansatzweise, zu ermitteln. Schreib einfach alle Namen, deiner dir möglicherweise bekannten „Stammkunden“, auf und fasse Sie zu einer Zielgruppe zusammen. Anschliessend überlegst Du welche der oben, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, genannten Kriterien diese Personen erfüllen und welche anderen Personen ähnliche Absichten, Probleme Wünsche, Bedürfnisse etc. haben. Das ist dann deine Zielgruppe. Natürlich definiert sich diese nicht namentlich, sondern über die o.g. Kriterien.
Gruß Detlef