Delegation bringt Maßnahmenkatalog mit

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Von Marko Litzenberg · Veröffentlicht am 16. Jan 2011 - 13:16 Uhr
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Reisen von städtischen Vertretern in fremde Länder auf Kosten des Steuerzahlers haben meist mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass es sich um öffentlich bezahlte Kurzurlaube handelt. Ein Kurzurlaub war die Visite von Vertretern aus Aschersleben in der neuen finnischen Partnerstadt Kerava jedoch nicht, das konnte glaubhaft versichert werden. Ein prall gefülltes Programm sorgte dafür, dass die Delegationsmitglieder kaum zum Durchatmen kamen. Natürlich standen viele Besichtigungen auf der Agenda, aber auch die Erarbeitung eines Maßnahmenkatalogs, wie die Partnerschaft zwischen den Städten ausgestaltet und mit Leben erfüllt werden kann.

Nur drei Tage hatten die Mitglieder der Ascherslebener Delegation Zeit, um im Halbstunden- und Stundentakt so viel wie möglich von der finnischen Partnerstadt Kerava zu erfahren und zu sehen. Mitglieder der Delegation waren Oberbürgermeister Andreas Michelmann, der städtische Sozialamtsleiter Rüdiger Schulz, der für die Pflege der Ascherslebener Partnerschaften zuständig ist, Steffen Schütze vom städtischen Schulamt, Klaus Winter, kommissarischer Leiter des Gymnasium Stephaneum, Volkmar Teuke vom Sportverein Lok Aschersleben, Beate Kramer, die neue Chefin der Ascherslebener Kulturanstalt, sowie Jana Litzenberg, Leiterin der hiesigen Freien Montessori-Grundschule.

Nimmt man es ganz genau, dann war die Gruppe aus Aschersleben zwar drei Tage in Finnland, hatte für das Besuchsprogramm allerdings nur zwei volle Tage Zeit, Mittwoch und Donnerstag, denn der erste Tag ging bereits durch die Anreise verloren. Am frühen Nachmittag des vergangenen Dienstag kamen die Ascherslebener Gäste in Helsinki, der finnischen Hauptstadt an, wo sie auch in einem Hotel untergebracht waren. Da eine anfangs geplante Stadtrundfahrt ausfallen musste, stand den Besucher der Nachmittag zur freien Vefügung. Ein kurzer Nachmittag, denn im finnischen Winter geht die Sonne deutlich früher unter, als hierzulande, zeitlich ist man Deutschland zudem eine Stunde voraus. Viel gesehen haben die Ascherslebener von Helsinki deshalb nicht.

Der Besuchs- bzw. Arbeitstag für die Einestädter begann in aller Frühe des vergangenen Mittwoch. Kurz nach 8 Uhr finnischer Zeit, 7 Uhr deutscher Zeit, wurde die Delegation nach Kerava gebracht – Ausschlafen war also nicht vorgesehen. Im Rathaus von Kerava stellte der Entwicklungsleiter Pekka Kauranen die neue Partnerstadt vor, gab die wichtigsten Zahlen und Fakten zur Stadt bekannt, wie die politische und wirtschaftliche Struktur Keravas ist. Kauranan hielt seinen Vortrag übrigens auf Deutsch, denn viele Finnen können die Sprache zumindest verstehen, manchmal auch sprechen. Gerade die etwas ältere Generation hatte in der Schule viele Jahre Deutsch-Unterricht – später wurde dieser dann aber immer mehr durch Englisch verdrängt, so dass die jüngeren Finnen nicht so häufig der deutschen Sprache mächtig sind. Um mit denen die Kommunikation zu ermöglichen, begleitete eine Dolmetscherin die Ascherslebener Delegation.

Als Gastgeschenk wurde bei dieser Gelegenheit von Oberbürgermeister Andreas Michelmann ein Buch an das Stadtoberhaupt von Kerava, Stadtdirektor Petri Kärkönen, übergeben. Es handelt sich um eine der wertvollen Faksimile-Ausgaben der “Persianisch und Moskowitischen Reisebeschreibungen” des Ascherslebener Universalgelehrten Adam Olearius. Eigentlich handelte es sich um zwei Exemplare, denn eines wird in der städtischen Bibliothek von Kerava seinen Platz finden – und sicher auch viele Leser, denn Bibliotheken funktionieren in Finnland anders als hierzulande. Doch dazu später mehr.

Das Besuchprogramm soll an dieser Stelle nicht minutiös beschrieben werden. Das würde zu weit führen. Grob kann man es aber in drei Themenschwerpunkte einteilen: Bildung, Partnerschaft, Politik. Unter dem Thema Bildung wurde zum Beispiel die größte deutsche Kindertagesstädte Finnlands, die sich in Kerava befindet, besichtigt. Dieses “Spielhaus” wird sogar von einer Ostdeutschen geleitet, Silvia Rothenburger aus dem thüringischen Saalfeld. Die Visite in der Tagesstätte war auch für die Lokalpresse in Kerava interessant, so dass die Delegation dort von den Kollegen abgelichtet wurde.

Unter dem Thema Bildung stand zudem eine Visite im Gymnasium von Kerava. Knapp 600 Schüler besuchen die jüngst sanierte Schule, die – im Gegensatz zu so mancher deutschen Schule – extrem modern ausgestattet ist. Computer wohin man blickte – jederzeit zugänglich für die Schüler, ob in der Pause oder im Unterricht. Die Unterrichtsräume waren zumeist aufs Modernste ausgestattet, alle mit elektronischer Tafel, Chemieräume ähnelten Labors. Zentrum der Schule ist ein großes Atrium, in dem sich eine Mensa befindet. Das gemeinsame Mittagessen spielt eine große Rolle im finnischen Schulalltag und wird deshalb auch gefördert. Insgesamt merkte man, so berichtete Delegationsmitglied Jana Litzenberg, dass Bildung in Finnland einen viel höheren Stellenwert einnimmt, als in Deutschland – spürbar sowohl in der öffentlichen Förderung von Bildungs- und Kultureinrichtungen, als auch seitens der Kinder und Jugendlichen, die einen großen Wissenshunger erkennen ließen. Finnland hatte übrigens bei der ersten PISA-Studie im Jahr 2000 hervorragend abgeschnitten – nicht ohne Grund.

Der Besuch des Gymnasiums stand gleichzeitig unter der Überschrift “Partnerschaft”, denn die Schule in Kerava und das Ascherslebener Stephaneum möchten eng zusammenarbeiten und schon in den kommenden Monaten einen Schüleraustausch organisieren.

Welchen Stellenwert Bildung bei der Bevölkerung einnimmt, wurde der Ascherslebener Delegation in der Bibliothek von Kerava vor Augen geführt. Die Bibliothek glänzte nicht nur durch die Anzahl der vorgehaltenen Literatur, sondern auch durch die Räumlichkeiten. Mehrere unterschiedlich gestaltete Leseräume luden zum Bleiben ein, es gab allein einen Raum, in dem nur Tageszeitungen aus aller Welt gelesen werden konnten. Tische mit Computern dienten als Internet-Surfstationen. Und natürlich waren auch die Öffnungszeiten sehr besucherfreundlich. So herrschte, während die Ascherslebener Delegation von Bibliotheksleiter Jari Paavonheimo durch die Regale und Räume geführt wurde, reger Betrieb von großen und kleinen Besuchern. Die Bibliothek ähnelte eher einer Begegnungsstätte.

Das Thema Bildung stand auch im Mittelpunkt eines Besuches der Ascherslebener Delegation im finnischen Unterrichts- und Kulturministerium in Helsinki, wo den Gästen von der Eine das finnische Schulsystem, Entwicklungsprojekte der Zukunft und die neusten PISA-Ergebnisse vorgestellt wurden.

“Partnerschaft” zwischen den Städten war Schwerpunkt beim Besuch der Sportanlagen von Kerava. Auch hier gibt es schon erste Überlegungen, die Städtepartnerschaft mit Leben zu erfüllen, indem Ascherslebener Fußballer ein Turnier mit den finnischen Freunden veranstalten möchten – vorgesehen ist das zuerst in Kerava. Möglich wäre zum Beispiel ein Fußballturnier zwischen Aschersleben und Kerava sogar im tiefsten finnischen Winter, denn Kerava hat einen Sportplatz, der über eine Rasenheizung verfügt. Während sich rund um den Platz die Schneeberge türmten und Flocken vom Himmel fielen, trainierten einige Jugendliche unter Flutlich auf sattgrünem Rasen. Gleich daneben befindet sich eine Eislaufbahn. Auch hier herrschte, wie in der Bibliothek, reger Betrieb. (Anm. d. Red: Das finnische Fernsehprogramm scheint – zum Glück der Finnen – noch schlechter als das deutsche zu sein. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Finnen ihre Freizeit mit Bildung, Sport, Kultur oder einfach nur in Gemeinschaft verbringen ;-))

Rund um die Partnerschaft ging es zudem in einer Konferenz im Ratszimmer des Rathauses von Kerava (übrigens ist auch hier jeder Platz mit einem Laptop ausgestattet). Dort wurde von der Ascherslebener Delegation gemeinsam mit den finnischen Gastgebern ein Maßnahmenkatalog erarbeitet. Darin ist festgehalten, wie die Partnerschaft zwischen den Städten, vor allem zwischen den Bürgern, Vereinen und Einrichtungen, gefördert werden soll. Die Partnerschaft zu Kerava ist, ein Novum für Aschersleben, nämlich zunächst nur eine Partnerschaft auf Zeit. Hat sich die Freundschaft nach fünf Jahren nicht gefestigt, dann muss man sie nach jener Zeit auch nicht fortsetzen. Ein pragmatischer Ansatz, der allerdings Anstrengungen von beiden Seiten erfordert, sofern man die Freundschaft aufrecht erhalten möchte.

Allein das bis hierhin beschriebene Programm hätte für die zwei Tage gereicht und wäre schon mehr als genug gewesen. Dennoch gab es noch zahlreiche weitere Programmpunkte. Die Besichtigung einer Brauerei in Kerava zum Beispiel, der größten in Finnland. Eine kleine Busrundfahrt durch Kerava gab es ebenso. In einem Kunstmuseum wurde eine Ausstellung mit modernen Kunstwerken besichtigt. Zudem war man zu Gast im Haus des finnischen Reichstagsabgeordneten Eero Lehti. Vergleichbar ist diese Position mit der eines Bundestagsabgeordneten in Deutschland. Lehti ist zudem Verleger und Unternehmer und hat seinen Wahlkreis in Kerava. Ach ja: eine Besichtigung des finnischen Reichstags in Helsinki gab es ebenfalls noch – alles Termine aus der Sparte “Politik und Kontaktpflege”.

Zurück kamen die Ascherslebener Reisenden ziemlich müde und geschafft am Freitagmorgen voller Eindrücke und Pläne für die Belebung der Partnerschaft zwischen den Städten.

eineblick.de wird sich bemühen, in naher Zukunft einen deutschsprachigen Gast-Blogger aus der finnischen Partnerstadt zu finden, der in Form von Beiträgen von der finnischen Kultur und aus Kerava berichtet. Damit kann die Partnerschaft zwischen den Städten auch über die große Entfernung hinweg zusätzlich virtuell gepflegt werden – übrigens auch ein Thema bei den Gesprächen in Kerava.
Um auch die Partnerschaft zur niedersächsischen Partnerstadt Peine etwas wiederzubeleben, gibt es bereits erste Pläne, um einen Gast-Blogger aus Peine zu finden.

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Kommentare

1 Kommentar zu “Delegation bringt Maßnahmenkatalog mit”

  1. Christine Hermsdorf schrieb am 16. Jan 2011 um 15:32 Uhr

    Ein schöner erster Artikel zu dem Besuch aus Aschersleben in Kerava! Wir freuen uns schon auf die wachsende Städtepartnerschaft! Bei der Suche nach einem Gastblogger können wir eventuell behilflich sein. Bei Bedarf bitte melden bei der Deutsch-Finnischen-Gesellschaft Sachsen-Anhalt! Viele Grüße, Christine

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