Neues Forum Aschersleben: Eine Chronologie

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Von Marko Litzenberg · Veröffentlicht am 25. Nov 2009 - 14:54 Uhr
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Der Mitbegründer des Neuen Forum in Aschersleben, Christoph Köppe, beschreibt spannend und eindrucksvoll, wie und mit welchen Ängsten die Bürgerbewegung 1989 hierzulande aus der Taufe gehoben wurde. Doch seine Geschichte ist nur ein Teil der Geschehnisse rund um das Neue Forum in Aschersleben. Dokumente aus Privatarchiven und Stasi-Akten zeigen, was am Rande noch geschah, Ereignisse, von denen die Mitbegründer unter Umständen gar nichts erfahren haben.

Eine Chronologie mit vielen Originaldokumenten im Kontext zur DDR-weiten Geschichte des Neuen Forum – natürlich auch sehr persönlich angehaucht, durch eine Vielzahl eigener Dokumente und Erinnerungen:
Auf der Bühne der Öffentlichkeit erscheint das Neue Forum erstmals am 10. September 1989, also schon recht früh. Bürgerrechtler hatten sich zusammengeschlossen und verbreiteten einen DDR-weiten Gründungsaufruf für das neue Norum. Schon neun Tage später, am 19. September 1989, möchten sie die neue Bürgerbewegung legalisieren lassen und beantragen die Zulassung des Neuen Forum in 11 von 15 DDR-Bezirken. Am 21. September 1989 verbreitet die staatliche Nachrichtenagentur ADN eine Meldung, das Neue Forum sei eine “verfassungs- und staatsfeindliche” Organisation.

Die Junge Gemeinde protestierte gegen das Verbot des Neuen Forum.Und hier beginnt auch die Geschichte des Neuen Forum in Aschersleben:
Die nicht gerade unpolitische Jugendgruppe von St. Stephani, die Junge Gemeinde, setzt einen Tag darauf, am 22. September 1989, ein Schreiben an den Innenminister der DDR auf, in dem gegen das Verbot des Neuen Forum protestiert wird. Einige Mitglieder der Jungen Gemeinde, darunter auch ich, beschließen, dem Schreiben durch eine Vielzahl von Unterschriften Nachdruck zu verleihen.

Am 23. September 1989 beginnt die Unterschriftensammlung gegen das Verbot bei einer Geburtstagsfeier. Die Stasi erfährt davon durch Inoffizielle Mitarbeiter (IM). Die Staatssicherheitsleute vor Ort und in Halle beschließen daraufhin vor allem gegen mich, der ich unter Operativer Personenkontrolle (OPK) stand, also intensiv bespitzelt wurde, nicht mehr “nur” inoffiziell, sondern nun auch offiziell vorzugehen “zur Einleitung gesetzlicher Maßnahmen”. (siehe dazu auch den Beitrag “Stasi-Akte: Lustig, traurig, erschreckend …“).
Dokumente dazu: Stasi-Bericht Seite 1, Seite 2

Im Fernsehen der DDR wird die Ablehnung des Neuen Forum am 25. September 1989 DDR-weit verkündet. Leider fand sich dazu kein Link im Netz auf eine Aufzeichnung der Sendung. Aber auch die ARD-Tagesschau berichtete kurz davon (ca. bei 5:30).

Die Unterschriftensammlung gegen das Verbot des Neuen Forum geht indes weiter. Vor allem bei privaten Treffen werden Freunde und Bekannte angesprochen, ob sie nicht unterzeichnen möchten. Auch da war die Stasi dabei, also deren IM. Ein IM “Stephan” lieferte besonders in den Wendemonaten über mich Berichte an seinen Führungsoffizier ab.
Dokumente dazu: handschriftlicher Stasi-Bericht vom 6.10.1989 über die Spitzeltätigkeit des IM “Stephan” bei einem Privatreffen am 5.10.1989 (Seite 1, Seite 2, besser lesbare Abschrift als PDF)

Schriftliches Verbot der Demo am 6.10.1989 in Aschersleben.Noch formierte sich der Widerstand gegen das System in Aschersleben im Geheimen – bei Privatfeiern und vermeintlich geheimen Treffen. Doch am 6. Oktober 1989 kommt es in Aschersleben zur ersten Demo auf dem Stephanikirchhof, bei der sich etwa 80 Leute treffen (siehe Beitrag “Vor genau 20 Jahren: Erste Demo in Aschersleben“). Im Vorfeld war versucht worden, diese Demo auf legale Füße zu stellen. Jemand hatte versucht, sich eine Genehmigung dafür zu besorgen. Wer das war, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen, eine entsprechende Ablehnung des Volkspolizei-Kreisamtes (VPKA), Abteilung Erlaubniswesen, findet sich allerdings in meinen Stasi-Unterlagen, jedoch ohne Hinweis auf den Namen des Antragstellers.

Die Demo galt daher als illegal. Die Folge war, dass der Stephanikirchhof abgeriegelt wurde. Viele hatten Angst, dass sie nicht unversehrt nach Hause gehen könnten. Superintendent Mücksch verhandelte jedoch mit den Staatsorganen, so dass die Beteiligten der “Zusammenrottung” oder “Provokation” unbehelligt abziehen konnten. (siehe Beitrag “Wende ’89: Wie alles begann“)

Dennoch kennzeichnet der 6. Oktober 1989 den Beginn der offenen Proteste auch in Aschersleben, denn an jenem Abend ruft Herr Mücksch zu einem Friedensgebet am 13. Oktober 1989 auf, ich wiederum zu einer Gesprächsveranstaltung mit anschließender Demo am 24. Oktober 1989.
Dokumente dazu: Stasi-Berichte über die Veranstaltung am 6.10. (Teil 1 aus der Personenakte OPK “Kaufmann”, Teil 2 aus einer Sachakte)
Am gleichen Abend, also am 6. Oktober 1989, weilt Christoph Köppe, Mitbegründer des Neuen Forum in Aschersleben, auf einer Feier, bei der es auch um das Neue Forum ging (siehe Beitrag “Ein Mitbegründer des Neuen Forum erinnert sich“).

Das Friedensgebet am 13. Oktober ist mir nicht Erinnerung, dafür aber eine Veranstaltung am 20. Oktober 1989 in der Johanniskirche. Mit dabei war wieder der auf mich angesetzte IM mit dem Decknamen “Stephan” der Folgendes der Stasi über jene Veranstaltung berichtete: “OPK Kaufmann beteiligt sich maßgeblich am Aufbau des Neuen Forum in Aschersleben. Er engagiert sich besonders durch Adress- und Unterschriftensammlungen. Sehr eng arbeitet der L. dabei mit einer dem IM namentlich nicht bekannten Person zusammen, die ebenfalls im NF ist. Personenbeschreibung: – untersetzte Gestalt, – sehr lockige schwarze Haare, – Nickelbrille, – Schnurrbart. Beide engagierten sich auch am 20.10. in der Johanniskirche”.

Die Demonstranten stellten Kerzen am Rathaus ab und riefen zur Gewaltlosigkeit auf. "Wer Kerzen in der Hand hat, kann keine Steine werfen."Dann kam der 24. Oktober 1989, eine der ersten großen Demonstrationen in Aschersleben. Superintendent Christoph Mücksch berichtet darüber im Beitrag “Wende ’89: Wie alles begann“. Viele, die dabei waren, erinnern sich daran, dass weit mehr als 2000, möglicherweise sogar 3000 Personen an der Demonstration teilnahmen. Die Staatssicherheit zählte anders, wie aus dem Bericht einer Stasi-Sachakte hervorgeht, die ich einsehen konnte. Zur Erklärung: Sachakten unterscheiden sich von Personenakten und enthalten vor allem allgemeine Informationen, Berichte und Zusammenfassungen an übergeordnete Stasi-Stellen, in diesem Fall die Bezirksverwaltung in Halle. In Sachakten werden bei der heutigen Einsicht fast alle personenbezogenen Daten geschwärzt.
Dokumente dazu: Bericht aus einer Stasi-Sachakte (Seite 1, Seite 2, Seite 3)

Dialogveranstaltung in der Ascherslebener StadthalleWiederum eine Woche später, am 2. November 1989, kommt es zur ersten Dialogveranstaltung, einem so genannten “Stadthallengespräch”, in Aschersleben, bei dem auch die Zulassung des Neuen Forum gefordert wird. Die Friedensgebete in der Johanniskirche gehen trotzdem weiter. Pfarrer Matthias Büdke bietet dort den Raum zum Gespräch und zur Diskussion. Bei einem dieser Friedensgebete verliest Christoph Köppe dann den Gründungsaufruf des Neuen Forum von Aschersleben (siehe Beitrag “Ein Mitbegründer des Neuen Forum erinnert sich“).
Dokumente dazu: Aufruf des Neuen Forum, der verlesen wurde (Seite 1, Seite 2)

Dennoch sollten auch die Proteste auf der Straße nicht aufhören. Am 7. November 1989 beantrage ich daher erneut eine Demonstration für den 17. November 1989 beim Volkspolizei-Kreisamt, Abteilung Erlaubniswesen. Die Genehmigung wird mir mit verschiedenen Auflagen von Herrn Jürgen Grzega, heute Ordnungsamtsleiter bei der Stadt Aschersleben, erteilt.
Dokumente dazu: Genehmigung der Demo (Seite 1, Seite 2)

Am 8. November 1989 erfolgt aufgrund landesweiter Proteste die Zulassung des Neuen Forum als eigenständige politische Gruppierung.

Allgemein bekannt ist, was dann einen Tag später passiert: die Mauer fällt.

Demo am 17. November 1989 für mehr Demokratie in der DDR. Fotos: Archiv

Gleichwohl bedeutet das nicht das Ende der Protestbewegung in Aschersleben. Die für den 17. November 1989 angemeldete Demonstration findet wie geplant statt und wird zur größten Demo in der Geschichte der Stadt. Über 5000 Menschen beteiligen sich daran. Zuvor gibt es ein Friedensgebet in der St. Stephanikirche, an das sich der damalige Superintendent Christoph Mücksch erinnert (siehe Hörbeitrag mit bislang unveröffentlichem Material).

Der Hörbeitrag ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie Menschen sich erinnern – und vor allem wie falsch sie mit diesen Erinnerungen manchmal liegen. Man beachte den Abschnitt in Mücksch’s Erinnerungen, in der er über die Anmeldung der Demo vom 17. November 1989 spricht und vergleiche seine Aussagen über die Verantwortlichkeit mit den vorliegenden Unterlagen (Genehmigung der Demo Seite 1 und Seite 2)…
Trotz dieser Ungereimtheiten sind die Erzählungen des damaligen Superintendenten sehr bewegend.

Genau eine Woche darauf, am 24. November 1989, erscheint die “Ascherslebener Allgemeine” zum ersten Mal. (siehe Beitrag “Die erste Ausgabe“). Sie soll von Anfang an ein unabhängiges, überparteiliches Medium sein, sowohl von den neuen als auch alten politischen Gruppierungen. Deshalb nehmen die Gründer in den Titel auch den Spruch “Langweiler aller Parteien verschont uns” auf. Gedacht war das auch als Seitenhieb auf die SED-Blätter, die zu jener Zeit in schöner Regelmäßigkeit bei sich den Spruch “Proletarier aller Länder vereinigt Euch” abdruckten.

Während wir jungen Leute uns also um den Fortbestand der Zeitung kümmern, treiben andere engagierte Bürger, darunter Christoph Köppe, Christoph Remitschka, Dr. Barbara Seidel und Dr. Norbert Jahn, die Etablierung des Neuen Forum weiter voran. Das führt auch dazu, dass bei Vorkommnissen an der Stasi-Kreisdienststelle am 5. Dezember 1989 sowohl Vertreter des Neuen Forum als auch der “Ascherslebener Allgemeine” als “Kommission” in das Gebäude vorgelassen werden (siehe Beitrag “Nur ein Thema: Die Stasi“).

Das Neue Forum beteiligt sich im Dezember schließlich am Runden Tisch in Aschersleben und wehrt sich weiter gegen die sich windenden und wendenden Machthaber von SED und später SED-PDS. Am 15. Januar 1990 kommt es zu einer letzten großen Demo gegen die “Restaurationsbestrebungen der SED”, zu der vom Neuen Forum aufgerufen wird. Um klar zu machen, dass man die alten Machthaber wirklich nicht mehr akzeptieren wird, machen die Wendeprotagonisten im Vorfeld auch Druck in der Ascherslebener SED-Zentrale. Eine Begebenheit, an die sich der letzte 1. Sekretär der SED-Kreisleitung, Dr. Detlef Haase, in einem Interview erinnert. (siehe Beitrag “Der letzte regionale SED-Statthalter“)

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Kommentare

1 Kommentar zu “Neues Forum Aschersleben: Eine Chronologie”

  1. Manfred Springer schrieb am 08. Jun 2012 um 00:04 Uhr

    Ich freue mich sehr über diese offenen Worte.Leider haben mir meine von der Stasi geraubten 4 J. Zuchthaus so viel an Gesundheit gekostet,daß ich nicht in der Lage bin (als alter Magdeburger!) die neuen Bundesländer zu betreten.(Und alles nur,weil ich von Deutschland nach Deutschland gehen wollte)
    Liebe Grüße aus Hamburg.Manfred Springer-

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